Die Stiftungsgründung

Die Hans-Wendt-Stiftung hat ihre Wurzeln in der hanseatischen Bremer Kaufmannschaft: Am 26. September 1919 gründete Hermann Otto Wendt, ein erfolgreicher Unternehmer im Zigarrenhandel, eine Stiftung, die er nach seinem Sohn Hans benannte. Hermann Otto Wendt war ein wohlhabender Bremer Zigarrenfabrikant mit dem Ehrentitel Kommerzienrat, geboren 1847, also ein Kind der bürgerlichen Revolution. Mehr über seine familiären Wurzeln können Sie hier nachlesen. Er hat sein Unternehmen 1875 gegründet, in der Gründerzeit Deutschlands. Der deutsch-französische Krieg war 1872 beendet, die deutsche Wirtschaft fing mit der Industrialisierung an zu florieren. Kaiser Wilhelm I und sein Reichskanzler Otto von Bismarck waren die politischen Leitfiguren.

Die Stiftung wurde gegründet „zur Erhaltung der Erholungsstätte zur Pflege erholungsbedürftiger, aber nicht kranker Kinder, ohne Unterschied des Religionsbekenntnisses“ (aus der Satzung der Stiftung). In welcher Zeit befinden wir uns und in welchem Zustand war die Gesellschaft, in der es offenbar einen besonderen Erholungsbedarf für Kinder gab?

Der Erste Weltkrieg von 1914 bis 1918 beendete abrupt die aufstrebende und glanzvolle Gründerzeit Deutschlands. Er hat unermessliches Leid und gesundheitliche und materielle Entbehrungen für die Zivilbevölkerung zur Folge gehabt. Schon zu Beginn des Krieges war die Lebensmittelversorgung der Bevölkerung beschränkt. Man war nicht auf einen Krieg vorbereitet. Der so genannte „Steckrübenwinter“ 1917 verschärfte die Versorgungslage dramatisch nach einer schlechten Ernte im Sommer und der damals verbreiteten Korruption. Hermann Otto Wendt war bereits 67 Jahre alt, als 1914 der Krieg ausbrach, er war also nicht als Soldat beteiligt.

Nun war der schreckliche Krieg vorbei und hatte ein traumatisiertes und hoch verschuldetes Deutschland zurückgelassen. Der deutsche Kaiser hatte nach Beginn der Novemberrevolution am 9. November 1918 abgedankt.  In Bremen ergriff am 07. November der Arbeiter- und Soldatenrat die Macht und behielt diese bis 25. Januar 1919. Der Versailler Friedensvertrag wurde im Juni 1919 besiegelt, gut sieben Monate nach dem Waffenstillstand, und von der Verlierernation Deutschland unterschrieben. Darin wurde festgeschrieben, dass Deutschland und seine Verbündeten „Urheber aller Verluste und aller Schäden“ sei. Dies wurde als „Kriegsschuldlüge“ in Deutschland aufgefasst und trug zu einer innerpolitisch vergifteten Atmosphäre der Weimarer Republik bei. Deutschland wurde unter anderem dazu verurteilt immense Reparationszahlungen an die Siegermächte zu zahlen, Gebiete im Umfang von 70.570 km² wurden abgetreten sowie alle Kolonien.

Warum eine Stiftung für erholungsbedürftige Kinder?

Was war nun die Motivation von Hermann Otto Wendt, den Großteil seines erworbenen Vermögens in eine Stiftung für erholungsbedürftige Kinder zu investieren? Wir können uns nur auf sein Vermächtnis stützen und stellen fest, dass er humanistische Ziele verfolgt hat: die seelische und körperliche Heilung und Kräftigung der jungen Generation nach dem verheerenden Krieg. Die Generation, die für den Aufbau der neuen Gesellschaft gebraucht wurde und in die er seine Hoffnungen setzte. In einem Brief des Gesundheitsdezernenten Prof. Dr. Tjaden an die Hans-Wendt-Stiftung 1921, wurde der Erholungsbedarf Bremer Kinder beschrieben:

Schriftstück v. 01.11.1921 von Prof. Dr. Tjaden, Obermedizinalrat an Herrn Bürgermeister Hildebrand, Vorstand der Hans-Wendt-Stiftung

 

„Der Verwaltung der Hans-Wendt-Stiftung gebe ich auf Wunsch als Anlage eine Eingabe an das Reichsfinanzministerium, die folgende Darlegung der Bedürfnisse des öffentlichen Gesundheitsdienstes in Bremen für die kommenden Jahre.

Wie überall in den Großstädten des deutschen Reiches haben auch in Bremen die Entbehrungen in den letzten Jahren des Krieges und in den Jahren nach dem Kriege schwächend und zerstörend auf die körperliche Widerstandsfähigkeit der Bevölkerung gewirkt. Das machte sich besonders geltend bei den beiden schwächsten Bevölkerungsgruppen, bei den Alten und bei den Jugendlichen. Die Wirkung war in den höheren Altersklassen ein vermehrtes Absterben, bei den jüngeren ein Zurückbleiben in der Entwicklung und gehäuftes Auftreten von sogenannten konstitutionellen Störungen (Rachitis, Scrophulose, Blutarmut usw.). Die infolge vermehrter Darreichung der Brustnahrung an und für sich nicht ungünstigen gesundheitlichen Verhältnisse der Säuglinge, welche sich bei den ehelichen in einer niedrigen Sterblichkeitsziffer ausdrückt, haben allein nicht genügt, die Schäden für die Spiel-und Schulkinder auszugleichen. Mittel des Staates zur Erreichung dieses notwendigen Zieles sind nicht vorhanden. Die aus der Kinderhilfe im letzten Jahre zur Verfügung gestellten Mittel haben in Erfolg versprechender Weise der Anbahnung des erwähnten Zweckes gedient. Es lässt sich sogar sagen, dass vieles durch sie erreicht worden ist. Aber das Erreichte muss festgehalten und weitergeführt werden. Wenn auch durch die in Aussicht genommene neue Sammlung hoffentlich die Möglichkeit geboten wird, auf dem angefangenen Wege fortzuschreiten, so ist doch darauf hinzuweisen, dass die gestellten Aufgaben nur in langfristiger Arbeit gelöst werden können. Dazu gehören Einrichtungen, welche in der Nähe der Stadt es ermöglichen bei einfachem Betriebe und infolgedessen niedrigen Pflegesätzen zahlreichen Kindern aus den breitesten Volksschichten einen dem Zustande des Einzelnen nach Form und Dauer angepassten Landaufenthalt unter gesundheitsfördernden Bedingungen zu bieten. Hier eine fühlbare Lücke in den bremischen Einrichtungen auszufüllen ist die „Hans-Wendt-Stiftung“ berufen, auf welche die Gesundheitsbehörde schon seit langen Jahren sehnsüchtig gewartet haben. Es erübrigt sich, nochmals zu betonen, dass für die Bekämpfung der Tuberkulose mindestens ebenso wichtig und jedenfalls wirtschaftlich vorteilhafter als die Lungenheilstätten diejenigen Einrichtungen sind, welche den Boden für die Entwicklung der Tuberkulose ungeeignet machen. Die Herren im Finanzministerium sind zweifellos darüber selbst im Bilde, ebenso darüber, dass mit der Beseitigung der oben erwähnten Krankheitszustände eine volkswirtschaftlich bedeutsame Hebung der Arbeitskraft der Heranwachsenden in die Wege geleitet wird.

Ihr sehr ergebener

Prof. Dr. Tjaden, Obermedizinalrat

Hermann Otto Wendt hat, in der gesellschaftlich und politisch unruhigen Zeit, weder politisch noch konfessionell Vorgaben in seinem Vermächtnis gemacht. Als der Hanseat, der er ist, wollte er in erster Linie Bremer Kinder mit seiner Stiftung erreichen. Vor allem wollte er seinen „Mariannenhof“ – benannt nach seiner Frau – für die Nachwelt erhalten, indem dieser eine inhaltliche Bestimmung bekommt.

Neben der Stiftung gab es in Bremen mehrere Angebote für Kinder und Jugendliche, wie zum Beispiel die sogenannte „Landverschickung“ für Bremer Schulkinder. In einem Bericht von der zuständigen „Geschäftsstelle Landaufenthalt für Stadtkinder“ im Jugendamt Bremen werden folgende Arten der Verschickung unterschieden:

  • Tagesheime, das sind Licht- und Luft-Bäder
  • Landpflege, das sind die Erholungskuren im Bremer Raum
  • Kinderheime, außerhalb Bremens
  • Kinderheilanstalten in Seebädern und Solbädern.

Empfehlungen und Zuweisungen fanden über die Schulärzte statt. Die Licht- und Luft-Bäder waren nur im Sommer geöffnet. Sie befanden sich am Lankenau, Prießnitz, Ochtum und Werder. Die Landpflege wurde in drei Einrichtungen angeboten, zu denen auch der Mariannenhof mit 60 Plätzen gehörte. Die Landpflege war gedacht für Kinder mit Bedarf an „sorgfältige[r] Pflege aus ungünstigen häuslichen Verhältnissen Armut, Sorge, Übervölkerung, Unsauberkeit, Krankheit, sittlichem Tiefstand, Mangel an Erziehung etc.“

Im Bericht wird weiter ausgeführt:

„Das Kinderheim entlastet die Kinder von dem Druck dieser Verhältnisse, sorgt für das körperliche und geistige Wohl der Kinder, bietet ihnen gute Nahrung gesunde Schlafgelegenheit, erzieherisch wertvolle Einflüsse usw. und macht sie dadurch widerstandsfähiger gegenüber den schlechten Verhältnissen des Elternhauses, in die sie nachher zurückkehren müssen. […] Neben den hygienischen haben hier die sozialen und pädagogischen Aufgaben erhöhtes Gewicht.“