Die 50er Jahre: Die Stiftung ändert ihre Ausrichtung

Durch die Inflation geriet die Hans-Wendt-Stiftung in den 50er Jahren in schwere Geldnöte. Dies ist bezeugt durch die folgenden Briefe der Stiftung an den Bremer Senat sowie die jeweiligen Antworten darauf, die im Archiv der Hans-Wendt-Stiftung aufbewahrt werden.

Auszüge aus einem Schriftstück des Vorstandes an den Bremer Senat, was als Brandbrief zu verstehen ist, vom 07. November 1951:

„Das Gründungskapital (der Stiftung) betrug 3.021.038.17 Reichsmark. Durch die Inflation wurde das Kapital wesentlich reduziert, so daß am 01.01.1924 nur 280.284,30 Reichsmark vorgetragen werden konnten.

Hierdurch wurde die Durchführung der vom Gründer geplanten großzügigen Projekte vereitelt. Es wurde jedoch versucht, den Zweck der Stiftung durchzuführen. In angeschafften Baracken wurden vom Jugendamt Bremen ausgesuchte Kinder bei voller Verpflegung untergebracht, was während einer Anzahl von Jahren möglich war. Nachdem dann aber die Baracken während einiger Jahre vom Reichsarbeitsdienst benutzt waren, wurden sie an die Gemeinde Borgfeld verkauft. Die Eigenbewirtschaftung der Ländereien und im Zusammenhang damit der landwirtschaftliche Betrieb überhaupt eingestellt und die Ländereien wurden restlos zur Nutzung an Siedler und Landwirte verpachtet.

Eine weitere Abwertung des Stiftungsvermögens erfolgte durch die Währungsreform. Es verblieb per 21.08.1948 nur noch ein Stiftungskapital von 68.914,12 DM, worin als Hauptposten der Wert folgender Grundstücke mit 56.900 DM enthalten sind:

Mariannenhof, Gemeinde Borgfeld = 16 ha   98 a

Oberneuland                                         =   6 ha    95 a

Zusammen ……………………………………… 23 ha    95 a                    93 Morgen

 

Im Lehesterfelde

 Gemeinde Lehesterfelde                      = 32 ha  89 a                  128 Morgen

 

Gesamtgrundbesitz                                 =                                      221 Morgen

Durch die mehrfachen Inflationen nach dem ersten und zweiten Weltkrieg, durch die allgemeinen wirtschaftlichen Zusammenbruch und den drohenden Lastenausgleich wird auf die Dauer auch bei einem Entgegenkommen des Finanzamtes der Stiftungszweck kaum durchzuführen sein.

Nach den vorstehenden Ausführungen dürfte nunmehr evtl. der Zeitpunkt gekommen sein, irgendwelche Maßnahmen zu treffen. Das unterzeichnende Vorstandsmitglied, Rechtsanwalt Dr. Degener-Grischow, als letzter Verwandter der Familie Wendt, und der gesamte Vorstand erklären sich damit einverstanden, daß das Stiftungsvermögen von der Stadt Bremen übernommen wird.“

Es folgen im Bremer Senat und Jugendamt ein reger Schriftwechsel darüber, wie das Gelände zukünftig genutzt werden kann.

Ein Vorschlag des Senators für Arbeit und Wohlfahrt, G. van Heukelum am 29 Nov. 1951:

„Ich empfehle, die Hans-Wendt-Stiftung aufzulösen und auf die Daniel Schnackenberg-Stiftung, die allgemeine jugendfürsorgerische Zwecke hat, zu übertragen. Die Daniel Schnackenberg-Stiftung besitzt schon Grundvermögen in Bad Sachsa und Wangerooge. Damit wäre auch eine einheitliche Verwaltung des Grundvermögens, das der Jugendfürsorge dient, möglich“.

 Kurz darauf, am 18. Dez. 1951 schreibt der Senator für Arbeit und Wohlfahrt an den Herrn Präsidenten des Senats (Bgm. Kaisen) auszugsweise:

Für den weiteren Ausbau des Kinderwohnheimes ‚Fichtenhof‘ stehen noch Mittel zur Verfügung. Ich wäre bereit, diese Mittel für die Herrichtung von zwei Pflegenestern zu verwenden. Geeignete Pflegeeltern, die ein solches Pflegenest übernehmen können und wollen, stehen zur Verfügung. Der Ehemann eines der Elternpaare ist Heimatvertriebener und Gärtner. Er hat den Wunsch, in Verbindung mit dem Pflegenest, sich eine Nebenerwerbssiedlung zu beschaffen. Auch könnte auf dem Gelände des ‚Mariannenhofes‘ eine Kindertagesstätte erreichtet werden, die sicherlich für das Gebiet Lehesterdeich, Borgfeld notwendig ist. Bei einer Verwendung des Grundstücks für diesen Zweck würde auch dem Stiftungszweck entsprochen werden.“

In den 50er Jahren kommt zum ersten Mal die Idee auf, ein so genanntes Pflegenest zu schaffen

Dank der Stiftung fanden viele Kinder ein neues Zuhause.

Senatorin Mevissen schreibt daraufhin an den Vorstand der Hans-Wendt-Stiftung am 26. Febr. 1952:

„Ich glaube, einen Weg zu sehen, dass das Stiftungsvermögen wenigstens zum Teil Zwecken der Jugendwohlfahrt nutzbar gemacht werden kann. ….Die Stadt Bremen hat nach 1945 fünf Kinderwohnheime schaffen müssen, um die Kinder, die aus verschiedensten Gründen nicht in einer Familie sein konnten, die erforderliche Betreuung zu gewähren. Genügend geeignete Pflegstellen standen und stehen dafür nicht zur Verfügung. Das beste Heim vermag aber nicht die gute Familiengemeinschaft, nicht Vater und Mutter zu ersetzen. Um die Nachteile eines großen Heimes zu vermeiden und die Vorteile einer Familie den Kindern zuteilwerden zu lassen, sollen in Bremen einige Häuser errichtet werden, denen die Pflegeeltern zur Verfügung gestellt werden, die bereit und in der Lage sind, 8-14 Pflegekinder aufzunehmen und zu betreuen.

Für die Errichtung solcher Häuser stehen mir noch etwa 75.000 DM zur Verfügung, das könnten etwa die Baukosten für Häuser für 2 Pflegefamilien sein. Es fehlt mir aber an geeignetem Gelände, auf welchem die Häuser errichtet werden könnten. …Ich könnte mir durchaus vorstellen, dass, falls nicht entsprechend früheren Vorschlägen das in Frage kommende Gelände auf die Bremer Daniel Schnackenberg-Stiftung übertragen wird, die Hans-Wendt-Stiftung, um ihre Zwecke besser erfüllen zu können,

  1. Die Satzung dahin ändert, dass der Stiftungszweck allgemein ausgedehnt wird auf Jugendwohlfahrtszwecke;
  2. In den Vorstand fachkundige Personen aufgenommen werden, wofür ich Vorschläge unterbreiten könnte;
  3. Die Stadt Bremen den für den Bau von 2 Pflegenestern zur Verfügung stehenden Betrag der Stiftung als Darlehen gegen hypothekarische Sicherung gibt und die Stiftung diese Pflegenester selbst erbaut, wobei engste Zusammenarbeit mit dem Jugendamt nötig wäre;
  4. Die Stiftung dann die Gebäude und ein entsprechendes Stück Land an vom Jugendamt anerkannte Pflegeeltern gegen Übernahme der laufenden Unkosten überlässt.

Diese Maßnahmen schließen nicht aus, dass der satzungsgemäße Plan, den Mariannenhof als Stätte der Erholung für Kinder auszubauen, verfolgt werden muss. Die Errichtung von Pflegenestern würde nur der erste Schritt sein, um dem Vermächtnis des Stifters gerecht zu werden.“

Der Vorstand der Stiftung muss daraufhin den Vorschlag von Frau Senatorin Mevissen ernsthaft erwogen haben, denn es heißt in einem weiteren Brief derselben am 18. April 1952:

„Sehr geehrter Herr Dr. Degener-Grischow,

Zunächst danke ich Ihnen noch einmal sehr für Ihre Bereitwilligkeit, im Vorstand der Stiftung dafür einzutreten, dass die Verwaltung der Stiftung einem Kreis von Menschen übertragen werden soll, die durch ihre bisherige Tätigkeit und ihre Stellung Gewähr dafür bieten, die Mittel der Stiftung zum Wohle der bremischen Jugend zu verwenden. Als Senator für das Jugendwesen deckt sich mein Auftrag und der meiner nachgeordneten Dienststelle des Jugendamtes voll mit den Aufgaben, die Herr Geh. Kommerzienrat Hermann Otto Wendt bei Errichtung der Stiftung dieser übertragen hat.“

Gemeinsam planen Herr Dr. Degener-Grischow, der Neffe des Stiftungsgründers Hermann Otto Wendt, und Frau Senatorin Mevissen, den Vorstand der Stiftung neu zu besetzen:

„Der einfachste Weg ist der, dass der Vorstand geschlossen zurücktritt und einen neuen bestimmt. Für diesen Fall würde ich Sie bitten, noch weiterhin dem Vorstand anzugehören. Zweckmäßig dürfte es sein, dann außer mir folgende Personen, die unmittelbar in der Arbeit um das Wohl der bremischen Jugend stehen und an der Errichtung der geplanten Pflegenester und der errichtenden Tageserholungsstätte beteiligt sein werden, in den Vorstand zu wählen:

  1. Meinen Vertreter im Amt, Herrn Regierungsdirektor Gotthard
  2. Die Leiterin des Jugendamtes, Frau Regierungsrätin M. Bostedt
  3. Den Leiter der Abteilung Kindererholung im Jugendamt Bremen, Herrn W. Wassmann

 Eine noch stärkere Bindung an die Stadt Bremen würden Sie dadurch erreichen, dass §7 der Satzung wie folgt geändert wird:

„Der Vorstand der Stiftung besteht aus

  1. Dem für Jugendwohlfahrt der Stadt Bremen zuständigen Senator;
  2. Seinem beamteten Vertreter;
  3. Dem Leiter des Jugendamtes der Stadt Bremen;
  4. Dem Leiter der Abteilung des Jugendamtes, in welcher die Fragen der Kindererholungsfürsorge bearbeitet werden;
  5. Einem vom Senat der Freien Hansestadt Bremen zu benennenden Mitglied, aus den Kreisen des bis 1952 tätigen Vorstandes, soweit diese zur Annahme bereit sind, oder, soweit diese das Amt ausschlagen oder nach deren Ableben aus dem Kreis der bürgerschaftlichen Mitglieder der auf die Jugendwohlfahrt zuständigen Deputation.“

Große Veränderungen im Vorstand werfen ihre Schatten voraus.

Große Veränderungen im Vorstand werfen ihre Schatten voraus.

Die Vorschläge von Frau Mevissen aus ihrem Brief im April 1951 scheinen in die Tat umgesetzt worden zu sein. In einem Brief an den Finanzsenator schreibt Frau Mevissen am 18.Juni 1952:

„Da nunmehr nach der Satzung die drei für die Jugendwohlfahrt maßgebenden Personen die Mehrheit in der Stiftung haben, ist die Gewähr dafür gegeben, dass die Mittel auch tatsächlich im Interesse der Stadt Bremen verwandt werden.“

Die beiden Vorstandsmitglieder aus der Gründungszeit der Stiftung Dr. Degener-Grischow und Herr Oesterhaus, die auch einen persönlichen Bezug zu Hermann Otto Wendt hatten, haben also die weiteren Geschicke der Hans-Wendt-Stiftung in die Hände des Bremer Senats gegeben. Sie haben damit das Überleben der Stiftung gesichert. Der Deal beinhaltet, dass der Vorstand in der Mehrheit von Senats-und Jugendwohlfahrtsmitglieder besetzt wird und dafür ein zinsloser Kredit für die Errichtung von zwei Pflegenester gewährt wird.

Zu diesem Zeitpunkt verändert sich das „Wesen“ der Stiftung, die ursprünglich von der Wohltätigkeit der Kaufmannschaft Bremens geprägt war, hin zu einer von der Jugendwohlfahrt orientierten Arbeit.

Wichtige Personen bei dieser Weichenstellung, und vermutlich für den Erhalt der Hans-Wendt-Stiftung verantwortlich, waren Bürgermeister Wilhelm Kaisen, der ja auch nachbarschaftliche Beziehungen zur Hans-Wendt-Stiftung hatte, die Senatorin für das Jugendwesen Annemarie Mevissen und die Jugendamtsleiterin Mintje Bostedt. Frau Bostedt hatte auf einer Studienreise nach Schweden das Konzept der Pflegenester mitgebracht. Man wollte vor allem Waisenkindern eine familiäre Umgebung geben, die nicht in ein Kinderheim passten. Das pädagogische Konzept ist erstmalig in der Bundesrepublik umgesetzt worden und hatte somit Vorbildcharakter – und damit verbunden rege Aufmerksamkeit aus der Fachwelt: „Zeitungen und Zeitschriften des In-und Auslandes schildern das Beispiel von Bremen mit anerkennenden Worten“ (Weser Kurier am 28.05.1955)