Die Pflegenester entstehen

Kinder erledigen ihre Hausaufgaben im Gemeinschaftsraum des Pflegenests.

Die beiden Pflegenester, die der neue Vorstand geplant hatte, wurden am 25.09 1953 eingeweiht. Die Idee stammt aus Schweden, von wo Jugendamtsleiterin Mintje Bostedt sie bei einer Dienstreise mitgebracht hatte.  1953 lässt die Stiftung zwei baugleiche Gebäude errichten; das „Haus auf der Warft“ entsteht auf einem künstlich zum Schutz gegen Hochwasser aufgeworfenen Hügel; an gleicher Stelle stand einst das Wendtsche Wohnhaus. Das „Haus im Garten“ liegt auf der anderen Seite des Zufahrtswegs.Die Gesamtfläche der Wohnhäuser betrug 200 qm. Eheleute Rechenburg und Eheleute Deppe wurden als Pflegeeltern eingestellt und bezogen mit ihren eigenen Kindern jeweils eines der neugebauten Häuser.

In jedem Pflegenest wurden 10 Pflegekinder verschiedenen Alters aufgenommen im Sinne einer Geschwistergruppe. Die Vermittlung erfolgte über das Jugendamt. Laut einem Zeitungsbericht des Weser Kuriers handelte es sich um Kinder mit erheblichen Verhaltensauffälligkeiten und einen belastenden familiären Hintergrund.

In der Stiftungsverfassung vom 25. Oktober 1962 heißt es:

„Zweck der Stiftung ist die Gründung und Erhaltung von Pflegenestern zur familienmäßigen Betreuung und von Erholungsstätten zur Pflege erholungsbedürftiger, aber nicht kranker Kinder ohne Unterschied des Religionsbekenntnisses.“

Ein ausgeklügeltes pädagogisches Konzept verbarg sich hinter der Einrichtung nicht, eher der Wunsch, Heimkindern und solchen, denen eine Heimeinweisung drohte, ein Zuhause mit familiären Bindungen zu geben. Im April 1954 zogen die ersten Kinder in die Pflegenester ein; ein halbes Jahr später waren beide Häuser mit jeweils zehn Kindern belegt. Es waren schwererziehbare oder verhaltensauffällige Kinder; manche kamen im Säuglingsalter bereits ins Pflegenest, andere, weil das Jugendamt den Eltern die Erziehungsberechtigung entzogen hatte. Dass für beide Häuser Pflegeeltern gefunden wurden, die pädagogisch geschult und bereit waren, den Kindern die Eltern zu ersetzen, machte den Erfolg der Arbeit aus.

Einige Pflegekinder mit ihrer Pflegemutter beim Musizieren

Ein kleines Schlafzimmer und das Wohnzimmer sind den Pflegeeltern vorbehalten. Es gibt einen großen Gemeinschaftsraum, einen langen Spielflur, Sanitär- und Hauswirtschaftsräume, einen kleinen Keller, in dem die Vorräte lagern. Die Kinder, auch die der Pflegeeltern, schlafen zu zweit oder zu dritt jeweils in einem Zimmer. Schlafräume und Badezimmer sind für Mädchen und Jungen getrennt. Das Zusammenleben auf recht engem Raum – 180qm Nutz- und Wohnfläche für 12-14 Personen – fordert strikte Regeln; jedes Kind hat feste Aufgaben – Kartoffelschälen, Schuheputzen, Laub haken. Eine gestandene Respektsperson ist gefragt und im Vater gefunden, der tagsüber einem Beruf nachgeht und nur in der Früh, abends und an Wochenenden anwesend ist. Mit Ende der Ausbildung und Eintritt ins Erwerbsleben ziehen die Jugendlichen aus dem Pflegenest aus.

Das Modell war nicht von Dauer. Im November 1972 schloss das letzte der beiden Pflegenester. Zum einen war versäumt worden, geeignete Pflegeeltern zu finden und anzuleiten, zum anderen erfüllten die Häuser ihre Wirtschaftlichkeit nur, wenn jeweils zehn Kinder dort lebten. Das war Anfang der 70er Jahren niemandem mehr zu zumuten.

(Aus „Hans-Wendt-Stiftung 80 Jahre Arbeit  mit Kindern und Jugendlichen“ von Godehard Weyerer)

Ein Zeitzeuge berichtet

Dieter ist mit 1,5 Jahren als jüngstes Pflegekind zur Pflegefamilie D. im „Haus im Garten“, Am Lehester Deich gekommen. Zuvor war er seit Geburt im Säuglingsheim Hermann- Hildebrand- Haus. Seine Eltern waren nach dem Urteil des Jugendamtes nicht in der Lage für ihn zu sorgen, wahrscheinlich wegen ihrer Suchterkrankung. Dieter hat sie nie kennengelernt. Heute sagt er: „lieber eine gute Pflegefamilie als eine schlechte Herkunftsfamilie“.

Dieter lebte bis er 13 Jahre alt war im Pflegenest bei Familie Deppe. Die Pflegeeltern kamen aus der aktiven Arbeiterbewegung und haben Dieter mit diesen Werten erzogen.  Von seinem Pflegevater hat Dieter gelernt, sich sprachlich auszudrücken und für sich zu sprechen. Besonders prägend war die Naturverbundenheit der Pflegeeltern und die unendlichen Möglichkeiten diese auf dem Gelände der Stiftung und der weiteren Umgebung auszuleben. Die Kinder der beiden Pflegenester und andere Kinder aus der Umgebung haben das freie Gelände für ihre Spiele ausgiebig für verstecken spielen, in Bäume klettern, Schlittschuh fahren auf den Tümpeln etc. genutzt.

Beratung und Unterstützung in der pädagogischen Arbeit bekamen die Pflegeeltern von einer Psychologin im Jugendamt.

Die Jugendsenatorin und Initiatorin für die Pflegenester, Annemarie Mevissen, hat sich persönlich sehr für die Pflegekinder eingesetzt. Sie kam öfter vorbei. Dieter erinnert sich, als alle Kinder im Pflegenest isoliert werden mussten wegen Salmonellenbefall, brachte sie Süßigkeiten für die Kinder und stellte sie vor der Tür.