Die konzeptionelle Umsteuerung und Entwicklung von IHTE

Um 1976 hat die Hans-Wendt-Stiftung begonnen die Grundlagen für eine Veränderung des Konzeptes hin zu einer ganzheitlichen, integrativen Förderung von sozial benachteiligten und psychisch auffällige, sowie geistig behinderte Kinder zu formulieren. Ziel war ein Ent-Institutionalisierungsprozess und Auflösung von Sondergruppen. Wesentlicher Bestandteil war die Veränderung von einer tiefenpsychologischen Ausrichtung hin zu systemisch pädagogischen und therapeutischen sowie verhaltenstherapeutischen Arbeitsansätzen. So wurde der Therapietrakt aufgelöst, wo die Therapeuten wie in niedergelassenen Einzelpraxen gearbeitet haben. Psychologen mit familientherapeutischer Ausbildung und Teamerfahrung wurden eingestellt und es wurden interdisziplinäre Teams gebildet.  Darauf folgte die Dezentralisierung, indem die Teams in die Stadtteile zogen, in das Wohnumfeld der betroffenen Kinder. Im Sinne einer ganzheitlichen und vernetzten Arbeit folgte darauf eine engere Zusammenarbeit mit den Diensten vor Ort. Zentrale Bedeutung für die Förderung der Kinder sollte die ortsnahe Einbindung der Eltern werden.

Die erste regionale Einrichtung eröffnete 1981 in Bremen Nord, Dobbheide

1982 wurde die Tagesstätte für geistig behinderte Kinder Vorschulkinder Am Lehester Deich geschlossen.

Das erste IHTE Team, Integrierte Heilpädagogische TagesErziehung

1984 wurde das erste IHTE-Projekt im städtischen KTH-Wischmannstr. eröffnet

Eine Kooperation mit den damals städtischen Kindertagesheimen in Bremen wurde gebildet, indem ein Team von pädagogischen und therapeutischen Fachkräften der Hans-Wendt-Stiftung, in einem städtischen Kindertagesheim (KTH) einzog, um in den Hortgruppen mit Kindern mit besonderem Förderbedarf zu arbeiten.

Folgende Auszüge stammen aus einer wissenschaftlichen Dokumentation und Auswertung „2 Jahre INTEGRATIVE HEILPÄDAGOGISCHE TAGESERZIEHUNG (IHTE )“ von Gundel-Hessemer –Kühn, August 1986, unter Mitarbeit von Dr. Heidemarie Rose

Die inhaltlichen Schwerpunkte des Projektes liegen:

  1. auf dem pädagogischen Ansatz integrativer Erziehung zur Förderung aller im Einzugsbereich wohnender Hortkinder und somit als bewusste Alternative zu Ausgrenzung und Besonderung;
  2. auf der Arbeit mit Kindern in einem sozial benachteiligten Gebiet (die den Hort besuchenden Kinder kommen vorrangig aus Kattenturm, das lt. Statistik des Senators für Jugend und Soziales vom 25.10.1984 zu den am stärksten benachteiligten Gebieten der Stadt gehört).

Beide Punkte umreißen die politische Dimension des Projektes: der Anspruch, integrative Förderung in Regeleinrichtungen durchzuführen, entspricht dem Auftrag, den das Gesetz an den Sozialstaat richtet (JWG, § 1):

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Entwicklung des Projektes IHTE im KTH-Wischmannstraße:

Das Projekt IHTE im KTH-Wischmannstraße wird in gemeinsamer Trägerschaft des Senators für Jugend und Soziales, konkret: dem Bezirkssozialzentrum- Süd und der Hans-Wendt – Stiftung durchgeführt, mit dem erklärten Ziel der „Verhinderung von Aussonderung“ (Überschrift der Vereinbarung zwischen beiden Trägern vom 08.11.1984)

Ist es in der Bundesrepublik Deutschland bereits außergewöhnlich, dass sich eine Sondereinrichtung (Hans-Wendt-Stiftung: heilpädagogisch-therapeutische Einrichtung, Kurzbeschreibung von 1984 zu ihrem „Sonder-, d. h. Aussonderungs-Status bekennt, so ist der Prozess der Entinstitutionalisierung, wie er durch die Hans-Wendt-Stiftung beschritten wurde, einer speziellen Würdigung und Reflexion wert.

Dieser spannende Prozess soll im Folgenden anhand von Fakten, Team-Aufzeichnungen und biographischen Erinnerungen der Mitarbeiter/innen – darunter die ehemalige pädagogische Gesamtleiterin der Hans-Wendt-Stiftung – nachvollzogen werden.

Ein Mitarbeiter erinnert sich: „Der Weg bis zur Realisierung des IHTE-Projektes in der Wischmannstr. war aus meiner heutigen Sicht damals zwar mit zum Teil unüberwindlich scheinenden Hindernissen versehen, er wurde von allen Beteiligten jedoch zügig und zielstrebig gegangen. Die Sache, Kinder in ihrem Lebensumfeld die nötigen Hilfen zur Erziehung zu bieten, war ‚einfach dran‘; die Umsetzung duldete keinen Aufschub“ (K. BACKES).

Der Plan, die Sondergruppe in einen der Regelhorte zu integrieren, war somit folgerichtige Weiterentwicklung des begonnenen Entinstitutionalisierungsprozesses sowohl aus der inhaltlich – politischen Zielsetzung wie aus den in der Praxis gewonnenen Erfahrungen heraus. Dass die direkte Kooperation zur Realisierung des Integrations-Projektes mit dem KTH-Wischmannstraße, statt mit dem KTH Stichnathstraße, das in dem eigentlichen Einzugsbereich Kattenturm liegt, erfolgte, hatte seinen Grund i n den räumlichen Kapazitäten, die nur im KTH-Wischmannstraße ein differenziertes, integratives Angebot ermöglichten.

Diese Umstrukturierung und Neuorientierung der praktischen Arbeit erforderte für alle Mitarbeiter/innen in der IHTE Verunsicherung und Umstellung. Von den städtischen Mitarbeiterinnen wurde vor allem ein noch ungewohntes Maß an Flexibilität in Bezug auf die Handhabung der festgelegten institutionellen Rahmenbedingungen verlangt:

  • Die Mitarbeiter des Jugendamtes müssen den Versorgungscharakter der Einrichtung stärker berücksichtigen als die Kollegen der Hans- Wendt-Stiftung. Dies bedeutet, dass bei uns genau festgelegt ist, wann wir z. B. Vorbereitungszeit haben. Die übrige Zeit müssen wir im Haus sein, um die Kinder zu betreuen (Aufsichtspflicht).
  • Für die Mitarbeiter/innen der Hans- Wendt-Stiftung beinhaltete dagegen der Einstieg in die Regelversorgung eine zunächst unüberschaubare Fülle von Anforderungen: „Ich selbst habe mehrere Monate gebraucht, bis ich ein Gefühl von Reizüberflutung und Orientierungslosigkeit abgebaut hatte. Die Arbeit im KTH bedeutete u.a. für mich das Kennenlernen eines städtischen KTH-Betriebes und des Hauses mit seinen Mitarbeiter/ innen, Regeln und Gepflogenheiten, das Kennlernen von 24 neuen Kindern und unserer beiden ‚großen Hortgruppen – um 11 davon wollte ich mich intensiver bemühen, denn sie gehörten ja nun zu meiner neu zu bildenden Gruppe ebenso wie U. und H.. Und im gesamten Hortbereich hielten sich täglich ca. 60 – 70 Kinder auf, ein schier nicht zu überblickender ‚Haufen‘ – wie ich fand. (Bis heute halte ich den zeitweiligen Lärmpegel für unerträglich, es wäre wohl eine gerechte Strafe, wenn man die Architekten des Gebäudes dieser Phonstärke aussetzen würde.) .

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Als Erfolgsnachweis für die kompetente, durchstrukturierte pädagogische Arbeit ist die Tatsache zu werten, dass während des Modellzeitraums kein Kind der IHTE in Sondereinrichtungen ausgegrenzt wurde. Die Kooperation mit der Institution Schule umfasst sowohl die Zusammenarbeit mit Lehrern/innen der Schulen in Bezug auf eine adäquatere Förderung der Kinder als auch die konsequente Auseinandersetzung mit den der Institution Schule eigenen Ausgrenzungsmechanismen Auch die Arbeit mit den Familien erhält in der IHTE einen zentraleren Stellenwert als in vergleichbaren Hortgruppen. Die Unterstützung der Familien der Armutspopulation besteht vor allem in der Reduzierung ihrer durch Mehrfachbelastung bedingten extremen Drucksituation durch 1. Entlastung der ökonomischen Drucksituation 2. Entlastung der innerfamiliären Konfliktsituation, 3. Entlastung von schulischer Bedrohung 4. Entlastung in psychischen Krisensituationen einzelner Familienmitglieder.

Der Erfolg lässt sich an der materiellen Verbesserung der Lebenssituation von neuen Familien ablesen, die sich konkretisiert in 1. Eintritt in feste Arbeitsverhältnisse oder Umschulungsmaßnahmen, 2. Beendigung der Sozialhilfeabhängigkeit, 3. der Verbesserung der Wohnsituation.

Die darüber hinaus erreichte Spannungsminderung der innerfamiliären Verhältnisse sowie die konkrete Hilfestellung bei der Erarbeitung eines strukturierteren, die Orientierungsmöglichkeit der Kinder fördernden Erziehungsverhaltens eröffnen Spiel räume einer adäquateren Interpretation von Lebensrealität sowohl bei den Erwachsenen als auch bei den Kindern

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Als von zentralem Stellenwert für die erfolgreiche Arbeit der IHTE erweisen sich folgende Faktoren:

– die integrative Verschmelzung unterschiedlicher beruflicher Erfahrungen der Kollegen/innen,

– die interdisziplinäre Zusammenarbeit von Pädagogen und Psychologen,

– die in die pädagogische Praxis integrierte fachliche Beratung, der Einbezug der gesamten Einrichtung in den konzeptionellen und praxisbezogenen Prozess der Entwicklung einer neuen, emanzipativen Hortarbeit.

Die IHTE ist als beispielhaftes Modellprojekt für eine zukunftsweisende Hortarbeit zu bewerten, und zwar unter

– inhaltlichen

– strukturellen und

– finanziellen Gesichtspunkten.

Ihr Ziel, die Ausgrenzung von Kindern aus den Bereichen Familie, Schule und soziales Umfeld zu erreichen, hat sie im Rahmen der der Hortarbeit gesetzten Möglichkeiten erfüllt.

Darüber hinaus hat sie durch die aus ihrer Praxis notwendigerweise erfolgenden Kooperationsbezüge zu einer Erweiterung der Reflexion über ausgrenzende Mechanismen und der Erarbeitung von praktischen Alternativen zu derartigen Maßnahmen beigetragen.

Die Durchführung der IHTE im KTH Wischmannstraße hat erwiesen, dass integrative Förderung im Regelhortbereich bei gleichzeitiger schrittweiser Dezentralisierung von Sondereinrichtungen weniger kostspielig ist als die Finanzierung ausgrenzender Besonderung.

Die umfassende Verbesserung der Lebenssituation der Familien und ihrer Kinder in dem sozial benachteiligten Gebiet Kattenturm legt die Empfehlung der Übernahme der Modellkonzeption als integrative Regelförderung in anderen Stadtteilen Bremens mit einem hohen Anteil an Armutspopulation nahe.

(Quelle: Wissenschaftliche Dokumentation und Auswertung 2 Jahre INTEGRATIVE HEILPÄDAGOGISCHE TAGESERZIEHUNG (IHTE ) Gundel-Hessemer –Kühn August 1986 unter Mitarbeit von Dr. Heidemarie Rose)

In einem Vertrag des Senators für Gesundheit, Jugend und Sport vom 03.Mai 1995 werden bereits 10 Einrichtungen für IHTE genannt:

KTH Schwarzer Weg, KTH Wischmannstr., KTH Robinsbalje, KTH An der Höhpost, KTH Carl-Severing-Str., KTH Bispinger Str., KTH Fillerkamp, Horthaus Friedrich-Klippertstr., KTH Marßel, Horthaus Wohles Eichen

Das Konzept wird heute wie folgt beschrieben: (Quelle: Jahresbericht 2018/2019)

„Die integrierte Heilpädagogische Tageserziehung IHTE ist eine Hilfe zur umfassenden Entwicklungsförderung und Erziehung von Kindern im Grundschulalter. Sie bietet eine gezielte, inklusive Förderung des Kindes im Gruppenkontext, die begleitet wird durch eine regelmäßige Beratung der Sorgeberechtigten.

Rechtliche Grundlage für die Hilfegewährung: §§ 1, 2, 8a, 27, 32, 35a, 36 SGB VIII und §§ 53, 54 SGB XII

Ein wesentliches Kennzeichen der Hilfe ist, dass sie an der Schnittstelle zwischen ambulanten und stationären Hilfeformen ist und zur Vermeidung einer drohenden Fremdplatzierung beiträgt. Gleichzeitig stellt sie eine präventive interdisziplinäre Förderung für spezielle, schwer erreichbare und unterversorgte Zielgruppen dar. Der Arbeitsansatz IHTE antwortet auf den hohen Bedarf an therapeutischer Unterstützung im Kinder-und Jugendbereich.

Die Leistung wird in Horten von KiTA-Bremen (KuFZ) und in Ganztagsschulen (GTS) erbracht. Eine umfassende Netzwerkarbeit unterstützt den Verbleib des Kindes in seinem vertrauten Umfeld. So können Chronifizierung und Ausgrenzung verhindert werden.“

Gemäß der schulischen Entwicklung hin zu Ganztagsschulen, kam es für die Hortteams zu Standortwechsel an die kooperierenden Grundschulen.

Heute betreibt die Hans-Wendt-Stiftung 5 IHTE Horte (Kinder-und Familienzentren KuFZ) und 8 IHTE in Ganztagschulen, GTS.

Im Jahresbericht von 2019 sind die heute aktuellen Standorte aufgelistet:

Sozialzentrum 01:

KuFZ-Friedrich-Klippert (Horthaus Grohn), KuFZ-Marßel,

 

GTS Tami-Oelfken , Bremen-Nord

Sozialzentrum 02:

KuFZ-Schwarzer Weg, Ganztagsschule Auf den Heuen,

GTS Oslebshauser Heerstraße

Sozialzentrum 04:

KuFZ-An der Höhpost, GTS-Alfred-Faust, GTS Robinsbalje

Sozialzentrum 05:

GTS In der Vahr, GTS Paul-Singer-Straße

Sozialzentrum 06:

KuFZ-Graubündener Straße, GTS Parsevalstraße