Im Krieg

Während des Dritten Reiches wurde die Kindererholung in begrenztem Maße aufrechterhalten. Der Vorstand verfügte 1941, dass sie nur „deutsche[n] Volksgenossen“ zuteil werden dürfe. Der Nationalsozialismus machte auch vor den Toren der Stiftung nicht Halt: In offiziellen Schriftstücken von Dr. Degener-Grischow ist der Gruß „Heil Hitler“ zu lesen.

Das Gelände der Stiftung wurde während des Kriegs als Unterkunft für den Reichsarbeitsdienst genutzt:

„Auf das Gelände Am Lehester Deich zog der Reichsarbeitsdienst; Schützengräben wurden ausgehoben und die Jugendlichen paramilitärisch ausgebildet. Auf dem hinteren Teil des Grundstücks errichtete der Sicherheitsdienst einen Schießstand; gegen Ende des Krieges wurden Flak-Geschütze aufgestellt. Am 12 Oktober 1944, als alliierte Flugzeuge einen Angriff auf Bremen flogen, trafen Bomben auch das Wohnhaus, die ehemalige Sommerresidenz der Familie Wendt; das Haus brannte völlig aus.“

(Quelle: „80 Jahre Arbeit mit Kindern und Jugendlichen“; Festschrift der Hans Wendt Stiftung zum 80. Jubiläum, Godehard Weyerer)

Kurz vor Ende des Kriegs kam es zu einem beinah-dramatischen Zwischenfall am Lehester Deich. Ilse Kaisen berichtet in ihrem Buch „Unser Leben in Borgfeld“:

„Die alliierten Truppen waren längst auf deutschem Boden und auf dem Vormarsch, um das Land zu besetzen. Vor den Toren Bremens lag eine englische Division, und man war erleichtert. So dachten wir am 25 April 1945, der Krieg sei vorbei, verließen den Bunker und gingen zum Haus zurück. Plötzlich begann eine furchtbare Schiesserei über uns hinweg, und wir mußten wieder zurück in den Bunker. Was war passiert? Wir wußten nicht, daß im Mariannenhof die britische Artillerie in Stellung gegangen war, und an der Wümme, auf der Lilienthaler Seite, ein versprengtes Häuflein Hitlerjungen mit einigen Parteigrößen lag. Sie glaubten, mit Panzerfäusten und anderer Munition das Vaterland retten zu können und waren Ursache der Schießerei. Bei dieser Aufregung merkten wir erst später, daß unser Franz (Bruder von Ilse Kaisen, Anmerkung der Redaktion) wie vom Erdboden verschwunden war. Wir suchten und riefen ihn, aber vergeblich – bis er plötzlich aus dem Mariannenhof gelaufen kam. Er hatte angenommen, der Krieg sei vorbei und wollte zu Heini Meier, dem Hofmeier vom Mariannenhof. Er lebte mit seiner Frau und der kranken Tochter in dem Bauernhaus, das damals als alte Ruine noch stand. Das Ehepaar Meier war daran gewöhnt, dass nach einem Angriff von uns immer ein Familienmitglied kam, um zu sehen, wie sie alles überstanden hatten. Heini Meier rief in die Schießerei hinein: „Nicht schießen, nicht schießen, Zivilist!“ So ist Franz mit dem Schrecken davongekommen.“