Neue Arbeitsweisen im Therapiezentrum

Das neue Therapiezentrum der Hans-Wendt-Stiftung wird 1973 eingeweiht.

„Einmalig in der Bundesrepublik“ titelten die „Bremer Nachrichten“, als das Therapiezentrum am 29. Oktober 1973 eröffnet wurde. Vier Millionen Mark kostete der Komplex Am Lehester Deich. Die Stiftung war zu Geld gekommen, weil die Blockland-Autobahn erweitert wurde und sich die Stadt Bremen zum Bau der Universität entschloss. Für beide Projekte wurden 33 Hektar, die sich in Eigentum der Stiftung befanden, angekauft.

Im Therapietrakt finden verhaltensgestörte und verhaltensauffällige Kinder und ihre Eltern ambulante Hilfe; hier sind Behandlungs- und Beratungszimmer, Werk-, Spiel- und Malräume, eine Bibliothek und ein großer Gymnastikraum. In den beiden Kindertagesstätten, zu denen die Pflegenester umgebaut worden sind, werden psychisch erkrankte Kinder tagsüber betreut. Für eine stationäre Unterbringung stehen drei Vollheime zur Verfügung, die jeweils Platz bieten für 10 Kinder. Der Wirtschaftstrakt beherbergt die Großküche und einen Saal, in dem die Kinder aus den Vollheimen und den Kindertagesstätten zum Essen zusammenkommen; im Waschsalon werden Handtücher und Bettwäsche aus den Häusern gewaschen, gebügelt und ausgebessert; im Keller hat die Heizung ihren Platz. Ein Gebäude im hinteren Teil des Geländes, das 1958 als Kindertageserholungsstätte errichtet worden ist, bleibt geistig behinderten Kindern vorbehalten.

800 Kinder, so hieß es aus den Erziehungsberatungsstellen und aus der senatorischen Gesundheitsbehörde, warteten in jenen Jahren auf ambulante und stationäre Behandlung. Über entsprechende Einrichtungen verfügte Bremen damals nicht. So erschien es dem Vorstand der Hans-Wendt-Stiftung an der Zeit, den Begriff der Erholung im Sinne des Stifters zu erweitern auf „Förderung und Wiederherstellung der physischen und psychischen Tüchtigkeit junger Menschen“. Seit Anfang 1967 sprach man in den Vorstandssitzungen über das Vorhaben. Zusammen mit der sich ebenfalls im Aufbau befindlichen Uni sollte das Therapiezentrum eine Einheit in Lehre und Forschung bilden. Neue Ideen brauchen Zeit, sich zu etablieren. Aber nicht jede Idee setzt sich durch. Auch im Falle des Therapiezentrums. Querelen und Kompetenzgerangel zwischen Erziehern, Pädagogen und Therapeuten standen dem Erfolg im Weg.

Ansicht eines Zimmers im Therapiezentrum

Vor der Tür des Hauptgebäudes am Lehester Deich steht ein Andenken an den Stiftungsgründer.

Ein Klassenzimmer im Therapiezentrum

Umstritten blieb die Absonderung – die Kinder kamen aus allen Stadtteilen an den Lehester Deich und mussten zum Teil weite Anfahrtswege in Kauf nehmen. Auch die streng psychoanalytische Ausrichtung in der Methodik stieß nicht auf ungeteilte Zustimmung. Die Therapien wurden über Krankenkasse abgerechnet, die letzten 1979. Ein Vollheim schloss im August 1980, das zweite ein Jahr später, das dritte zum Jahresschluss 1983.

Dort, wo im ehemaligen Therapietrakt die Empfangsdame saß, ist heute der Kopier- und Postraum untergebracht. Ein Schwarzes Brett hat das Schiebefenster ersetzt. Im Foyer das Relief des Stifters; draußen vor dem Eingang ein Gedenkstein: „Hermann Otto Wendt, ein Bremer Kaufmann, errichtete zum Andenken an seine Frau und seinen Sohn im Jahre 1919 die Hans-Wendt-Stiftung, eine Stiftung zum Wohle junger Menschen.“

(Aus „Hans-Wendt-Stiftung 80 Jahre Arbeit mit Kindern und Jugendlichen“ von Godehard Weyerer)

Eine Zeitzeugin berichtet

Frau V. erzählt über ihre Zeit im Therapiezentrum der Hans-Wendt-Stiftung von 01.März 1972 bis November 1974:

Zusammen mit ihrem Mann und ihren 2 Kindern sind sie in eines der drei Vollheime Am Lehester Deich eingezogen. Zuvor hatte ihr Mann zusammen mit dem ersten Leiter des Therapiezentrums, Dr. Haarstrick, das Konzept für die Vollheime geschrieben. Grundlegende pädagogische Gedanken waren, die Herkunftsfamilie der Kinder in die pädagogische Arbeit mit den Kindern einzubinden, die Eltern “dort abzuholen wo sie standen“ d.h., ihnen auf Augenhöhe zu begegnen. Die Kinder sollten an den Wochenenden bei ihren Eltern sein, soweit möglich. Das neue Therapiezentrum sollte eine Alternative zur herkömmlichen Heimerziehung werden und so eine Antwort an den damaligen 68er Reformanstoß der Studentenbewegung, genannt „Heimkampagne“, sein.  Herr und Frau V. haben sich, motiviert von der Reformidee, im Therapiezentrum beworben.

Die Jugendsenatorin Annemarie Mevissen hat die Umsetzung des Pilotprojekts eng begleitet. Sie erntete dabei von Seiten des Jugendamtes Kritik, das Projekt wurde als zu teuer, elitär und als „Spielwiese von Frau Mevissen“ bezeichnet.